Eine Geschichte über Identität, Überleben und die Suche nach Wahrheit in einer Welt des Schweigens
In »Eremit des Absurden« erzählt Chris Miler eine Geschichte, die erzählt werden muss. Mit schonungsloser Ehrlichkeit schildert er eine Kindheit im Nachkriegsdeutschland – ein Leben geprägt von Gewalt, Unterdrückung und der verzweifelten Suche nach einer Identität in einer Welt, die kein Verständnis für Anderssein kennt.
Von einem Nazi-Soldaten gezeugt und in die Wirren der Nachkriegszeit hineingeboren, entfaltet sich das Leben eines sensiblen Kindes, das früh lernen muss, in einer Welt der Brutalität zu überleben. „Dieses Schweigen wurde quasi zur Routine und so begann auch in anderen Dingen des Lebens eine Sprachlosigkeit. Wir Kinder wuchsen in einer schweigenden, besser verschwiegenen Welt auf."
„Im Sommerurlaub des August 1941 von einem Sudetendeutschen Nazi-Soldaten der Luftwaffe kurz vor dem Russland-Feldzug mit einer deutsch/franz. Frau gezeugt, wurde ich im Mai 1942 geboren." So beginnt die Geschichte eines Kindes, dessen erste Lebensjahre von Bombenangriffen, Fliegeralarm und dem allgegenwärtigen Tod geprägt sind.
„Ich habe in diesen 3 Jahren seit meiner Geburt bis 1945 als Kleinkind viele Tote gesehen, was in mir bleibende und bis heute immer wieder auftauchende, schreckliche Erinnerungen wachruft."
Ein Vater, der seine Frustrationen an seinem Kind auslässt. Schläge als tägliche Routine, Demütigungen als Normalität. „Er drosch so weit, dass ich mich in diese Ecke kauerte, um seinen Schlägen zu entgehen. Aber er schlug weiter, bis ich reglos in der Dachecke lag. Dann hörte er auf und ging weg."
Ein Kind, das gezwungen wird, gefährliche Munition zu sammeln, das als Arbeitskraft missbraucht wird, und dessen kreative Schöpfungen vom Vater zerstört werden: „Ging raus, fand den Drachen und brach ihn kurz krümmel klein zusammen, samt Laufkatze und Segelflugzeuge. Ich fing fürchterlich an zu weinen. Ich war ein Kind, dem der Vater seine mühevoll gebastelten und geliebten Sachen zerbrach."
Mit elf Jahren kommt der junge Erzähler in ein katholisches Internat – ein Ort, den er als persönliche Hölle beschreibt: „Es war der Alptraum und das Trauma meines Lebens, bis heute noch." Zwei Jahre unter strengster Aufsicht, geprägt von Hunger, körperlicher Züchtigung und emotionaler Kälte.
„An den 2 Stunden Ausgang am Samstagnachmittag von 2 bis 4 Uhr im Ort hing ich weinend am Telefon des örtlichen Postamts in einem ER-Gespräch mit meiner Mutter und Großmutter flehend: 'Holt mich hier raus.'"
Für ein Kind, das überall Ablehnung erfährt, wird die Astronomie zur Rettung. Während andere Kinder spielen, erforscht er den Nachthimmel, baut Teleskope und Theodoliten, verschlingt wissenschaftliche Literatur. „Stundenlang saß ich bei astronomischen Rechnungen. Zwischenzeitlich hatte ich mir diesbezügliche Bücher gekauft. Ich berechnete Sonnen-Mond-Auf-und Untergänge, die Planetenstellungen am Himmel..."
In einer Welt, die ihn nicht versteht, findet er in den Sternen und der Technik einen Zufluchtsort: „Ich ahnte noch nicht, dass dies bestimmend für mein Leben und meinen Beruf würde."
Inmitten all dieser äußeren Kämpfe tobt ein innerer Krieg, der noch viel schmerzhafter ist. Schon früh spürt der Erzähler, dass etwas nicht stimmt, dass sein Körper und sein Geist nicht zueinander passen. „Ich empfand mich in Bezug auf die beiden Geschlechter eher neutral, im Kopf jedoch geisterte mir ständig herum, dass ich eigentlich ein Mädchen bin, also ein Mädchen in einem Jungen-Körper."
In einer Zeit, als es für dieses Gefühl noch nicht einmal Worte gab, als Transgender-Identität ein völlig unbekanntes Konzept war, kämpft der junge Mensch mit Empfindungen, die niemand verstehen würde – am wenigsten er selbst. „Wie sollte das geschehen, innerlich ein Mädchen und äußerlich ein Junge. Unmöglich. Absurd."
Diese tiefgreifende Geschlechtsdysphorie wird zu einer weiteren Schicht von Isolation und Schmerz in einem bereits von Trauma geprägten Leben. Eine Identitätskrise, für die es in den 50er und 60er Jahren keine Sprache, keine Hilfe und keine Möglichkeit der Auflösung gab.
Das kollektive Schweigen
Eine ganze Generation, die unter dem Gewicht unausgesprochener Schuld und Trauma erstickt. Eltern, die über ihre Vergangenheit schweigen, eine Nation, die ihre Verbrechen verdrängt, und Kinder, die in dieser erstickenden Atmosphäre aufwachsen müssen. „Bis auf heftige Auseinandersetzungen mit meinem Vater über seine Vergangenheit im 3. Reich gelang es weder mir noch irgendjemandem aus der engeren und weiteren Familie, ihn zur Offenheit zu bewegen."
Missbrauchte Kindheit
Die systematische Gewalt gegen Kinder in Familie, Schule und Kirche. Eine erschütternde Anklage gegen eine Gesellschaft, die wegschaute und mitmachte. „Man muss wissen, dass am Abend vor dem Zubettgehen die gesamte Unter- und Oberwäsche akkurat gefaltet auf einem Schemel neben dem Bett abgelegt werden musste. Eine typische Männerart, den Tages-Schweiß schön während der Nacht in den Falten der Klamotten zu konservieren."
Die Suche nach Identität
Ein Kind, das früh spürt, dass es anders ist – in seinem Denken, seinen Interessen, und am tiefgreifendsten: in seinem Geschlecht. Der schmerzhafte Prozess, sich selbst zu verstehen in einer Welt, die keine Worte dafür hat. „Es war dasselbe komische Gefühl, dass ich schon als Kind zwischen 6 und 10 Jahren hatte. Auch schien die Pubertät hier keinen Wechsel zu bewirken."
Flucht in die Wissenschaft
Wie ein Kind in Astronomie, Technik und Basteln Zuflucht vor einer feindlichen Welt findet. Die Sterne als Zufluchtsort, die Wissenschaft als Rettung. „Stundenlang saß ich bei astronomischen Rechnungen. Zwischenzeitlich hatte ich mir diesbezügliche Bücher gekauft. Ich berechnete Sonnen-Mond-Auf-und Untergänge, die Planetenstellungen am Himmel... "
»Eremit des Absurden« ist mehr als eine Autobiografie. Es ist ein schonungsloses Zeitdokument, das die dunklen Seiten einer Nation offenlegt, die sich nach dem Krieg in Schweigen hüllte. Es ist ein Plädoyer für die Anerkennung von Identität jenseits gesellschaftlicher Normen. Und es ist die Geschichte eines Menschen, der trotz aller Widrigkeiten seinen Weg fand.
"Diesem Schweigen habe ich mit der Schilderung meines Lebens hier endlich ein Ende gesetzt." — Chris Miler, Pinsac/Frankreich, 11.8.2024